Donnerstag, 18. Oktober 2012

Sehr geehrter Herr Kachelmann


meine Meinung zu Ihrem Buch:
Ohne es gelesen zu haben.
Genauer also meine Meinung zu den Auswirkungen Ihres Buches.

Ich denke:
ein Glück, dass ich damals keine Anzeige erstattet habe, als ich vergewaltigt wurde!

Und ohne Sie zu kennen, nehme ich dies Ihnen und dem Heyne Verlag übel,
denn eigentlich sollte jede Frau eine Vergewaltigung umgehend anzeigen (können) um andere Frauen vor einer solchen Tat zu bewahren.

Mir ist bewusst, dass ich Sie nicht kenne, obwohl Sie mir seit meiner Jugendzeit bekannt sind. "Kachelmann ist Wettermän!" hieß es früher so lustig bei SWF3, aber mir ist bewusst, dass dies die schalkhaft sympathische Anmoderation des Senders war und im Nachhinein wenig über Sie aussagt.
Wurde Ihr Nachfolger nicht auch als "XXX ist Wettermän!" anmoderiert?

Später sah ich Sie dann in der Werbung wieder, als sie dieses Pseudo-Gesundheitsgesöff bewarben. Nun ja, es gibt sicherlich schlimmere Werbepartner und auch aus diesem Deal bilde ich mir keine Meinung über Sie.
Als Ihre Verhaftung durch alle Medien ging, hatte ich keine Meinung zu Ihrem Fall, sondern lediglich das Bedürfnis den Fernseher auszuschalten, wann immer in den Medien darüber berichtet wurde.
Das geht mir aber bei allen Vergewaltigungen oder anderen Gewalttaten von Männern an Frauen so. Je nachdem, erwischt einen irgendeine Formulierung nämlich kalt und man braucht Stunden oder gar Tage, um sich wieder aus dem alten Unbehagen zu befreien.

Als Sie der Wettermän bei SWF3 waren, lernten wir Mädchen, dass wir uns keinesfalls wehren sollten, wenn wir vergewaltigt werden, da Gegenwehr den Vergewaltiger nur zusätzlich provoziert und man neben der unausweichlichen Vergewaltigung auch noch Opfer zusätzlicher Brutalität bis hin zum Mord werden könnte.
Im Gegenteil, es wurde sogar empfohlen, dem Vergewaltiger zu versprechen, dass man ihn nicht verrät. In einem Krimi, der damals im Fernsehen zu sehen waren, rief das Opfer dem Vergewaltiger hinterher, dass sie ihn anzeigen würde und so kam der Mann zurück und erwürgte das Mädchen mit ihrer eigenen Strumpfhose.
Selbst schuld! Hätte sie mal schön stillgehalten und dem Vergewaltiger nicht auch noch gedroht.

Nun, ich habe stillgehalten, versprochen ihn nicht zu verraten, habe Beleidigungen und Schläge hingenommen - und überlebt.
Wenn ich heute darüber nachdenke, hätte ich mir meine Verletzungen allesamt selbst zufügen können, indem ich mein Gesicht mehrfach kräftig gegen den Boden geschlagen hätte.
Ich hätte also auch nichts beweisen können.

Zwischen mir und dieser Vergewaltigung liegen Jahrzehnte.
Jahrzehnte in denen ich Abstand gewann und zu der Überzeugung kam, dass ich mich gegen meinen Vergewaltiger heftig hätte wehren und ihn anschließend auch noch anzeigen sollen.
Mit der Überzeugung, dass das das richtige Verhalten wäre, lebte ich nun glücklich, bis letzte Woche ein Bekannter den Namen Ihres evtl. Vergewaltigungsopfers gleich 52 Mal hintereinander in einen Beitrag bei Facebook setzte.
Weil Ihr evtl. Opfer eine einstweilige Verfügung gegen die Nennung ihres Namens in Ihrem Buch erwirkt hatte.
Dieser Mann kennt Sie auch nicht weiter, ist meines Wissens nach auch noch nie von einer Frau zu Unrecht der Vergewaltigung angezeigt worden, hält es aber dennoch für nötig Ihre Partei zu ergreifen und den Namen der Frau gegen ihren ausdrücklichen Willen gleich 52 Mal zu posten.
Irre, oder?
Seit Ihr Buch auf dem Markt ist, scheint es eine Art Männersport geworden zu sein, diesen Namen nun möglichst häufig und ausführlich zu nennen.
Bei Twitter, in Blogs, bei Facebook und ganz ausführlich bei Amazon.
Was da zu Ihrem Buch bei Amazon gepostet wird, sind keine Rezensionen, sondern eine Hexenjagd, in der es nur darum geht, den Namen dieser Frau immer und immer wieder zu nennen und sie möglichst zu verunglimpfen.


Ich habe es geschafft, ein
Dein Posting gefällt mir nicht
unter diesen Wahnsinn zu setzen und irgendjemand hat das sogar geliked.

Aber seither ist sie da.
Diese Erleichterung, damals keine Anzeige erstattet zu haben.

Nicht, dass ich ernsthaft befürchte, mein Vergewaltiger hätte dazu ein Buch geschrieben, aber diese Aggressivität, die im Internet und den anderen Medien dieser Frau entgegen gebracht wird, macht Angst. Hohn und Spott für ein potentielles Vergewaltigungsopfer - denn niemand von uns war dabei und kann nun klar sagen, ob sie vergewaltigt wurde oder nicht. Selbst das Gericht, konnte keine Klarheit schaffen. Sie wurden nicht wegen erwiesener Unschuld freigesprochen, sondern weil Ihnen die Tat nicht bewiesen werden konnte.
Aber das Internet, das wimmelt jetzt von Menschen, die Sie ganz klar freisprechen und Rache an der Frau nehmen. Die Geister, die Sie riefen ...
Sind die Ihnen nicht gelegentlich selbst unheimlich?

Wenn jemand gerade von einem Menschen, den er bis dahin für einen Freund hielt derart gedemütigt, beleidigt und auch verletzt wurde, befindet er sich in einer absoluten Scheiß-Situation.
Das war jedenfalls bei mir so.
Ich glaube nicht, dass es mir in meinem gesamten Leben je dreckiger ging.
Meine kriegserfahrene Omi versuchte damals sehr rührend, mir auf ihre Art zu helfen und sagte mir, dass mir nichts angetan wurde, das ich nicht abwaschen könnte oder das nicht wieder heilen würde.

Nachdem alles abgewaschen und verheilt war, hatte ich es sehr eilig, Abstand zu diesem Erlebnis zu gewinnen. Über die Jahre lernte ich andere Frauen kennen, die es ähnlich gehalten hatten.
Wir wollten alle einfach nur in unser Leben zurück und die Hürde, dieses Erlebnis Fremden (der Polizei) anzuzeigen, war zu hoch und was wäre der Nutzen?

Peinliche Befragung von der Polizei und dann evtl. noch das Erlebnis, dass einem kein Glauben geschenkt oder eine Mitschuld angehängt würde.

Sie sagen selbst:
Eine Mehrheit der Vergewaltigungen, die stattgefunden haben, wird nicht angezeigt. Ihnen ist also bewusst, dass sich viele Frauen nicht überwinden können, Ihren Vergewaltiger anzuzeigen.

Die Welle, die Ihr Buch derzeit schlägt und die Hexenjagd auf die Frau, die Sie wegen Vergewaltigung angezeigt hat, dürfte diese Zahl noch erhöhen, denn wer kann schon sicher sein, wirklich beweisen zu können, dass man Opfer einer Vergewaltigung wurde?

Und da kann ich natürlich nur für mich sprechen, aber ich fand es wichtiger, selbst erst einmal wieder zu mir zu finden, innere und äußere Wunden möglichst heilen zu lassen und um Himmels Willen bitte nichts mehr mit diesem Dreckschwein zu tun haben zu müssen. (allein schon der Weg zum Wort "Dreckschwein" und das Begreifen, dass man keine Schuld an der Vergewaltigung hat, ist so schwer wie wichtig)

Natürlich habe ich das nicht so klar ausformuliert empfunden, sondern einfach nur leise wimmernd allein sein wollen.
Mit anderen Worten habe ich mir für mich so ziemlich das Gegenteil dessen gewünscht, was die Frau gerade (und schon seit Monaten) erlebt, die Sie angezeigt hat.

Natürlich kann man von Ihnen nicht verlangen, Rücksicht auf ein paar Tausend Vergewaltigungsopfer zu nehmen und in deren Interesse die Konsequenzen Ihres Buches zu überdenken.

Die Frage ist aber, ob Ihr Buch und seine "Welle" nun auch nur eine einzige Frau davon abhalten wird, sich mittels einer falschen Anzeige an irgendeinem Mann schuldig zu machen.
Wenn Sie tatsächlich das Opfer einer Falschaussage wurden, wäre der Frau ihre Rache doch 100% gelungen und mit dem Buch verlängern Sie auch noch bereitwillig Ihre Leidenszeit.

Ihre Meinung
Eine Mehrzahl der angezeigten Vergewaltigungen hat nicht stattgefunden.
wurde erst einmal mit Zahlen widerlegt, aber wer weiß?
Vielleicht machen Sie diese Rache-Methode mit Ihrem Buch derart populär, dass Sie damit irgendwann noch Recht behalten.
Denn rachsüchtige Frauen, die nicht loslassen können oder wollen, sehen doch nun wie wichtig und präsent Ihnen unter all Ihren Ex-Geliebten weiterhin ausgerechnet die Frau ist, die Sie angezeigt hat.

Dieser Frau, der Sie nun weiterhin einen Ehrenplatz in Ihrem Leben einräumen, indem Sie unermüdlich über Sie sprechen, versuchen sie namentlich ans Licht zu zerren und mit Ihren Anwälten auf ihre Anwälte/Klagen und Verfügungen zu reagieren.

Mir ist vollkommen schleierhaft, wie Ihnen die persönliche Rache an ihr so viel wichtiger sein kann, als endlich wieder einen Alltag zu haben und sich wieder Ihrem Leben widmen zu können.

Sie hätten sicherlich ein interessantes Buch schreiben und gleichzeitig eine Distanz zwischen Sie und Ihre Ex bringen können, wenn Sie darauf verzichtet hätten, den Namen der Frau zu nennen und damit diese Hexenjagd auf Sie zu eröffnen.
Ein Buch, in dem es um Sie und die Folgen einer Falschaussage geht.

Schade, dass Ihr Verlag Sie nicht besser beraten hat.
Statt eines Sachbuchs haben Sie nun einfach nur ein Kapitel Schlammschlacht auf den Markt gebracht. Ein Stück Rache - in meinen Augen ist Ihr Buch keine gelungenere Rache, als eine fälschliche Vergewaltigungs-Anzeige es wohl wäre.

Ich habe lange überlegt, ob ich mich äußern möchte oder es kann.
Aber doch ja.
In dieses Klima hinein, dass die meisten Vergewaltigungen reine Erfindungen sind, ist es vielleicht sinnvoll, wenn ganz normale Frauen, die sich mittlerweile von ihrer Vergewaltigung erholen konnten, einfach mal Flagge zeigen und die Öffentlichkeit sanft aber nachdrücklich darauf hinweisen, dass die Gefahr von einer Frau fälschlich einer Vergewaltigung bezichtigt zu werden ein Klacks ist, verglichen zu dem sehr viel gegenwärtigeren Risiko, als Frau Opfer männlicher Gewalt zu werden.

Wie man den Opfern einer Falschaussage helfen könnte, weiß ich so wenig, wie Herr Kachelmann in seinem "Sachbuch".

Frauen empfehle ich Seiten wie Vergewaltigung - wie kann ich mich wehren
und noch ein Link:
Achtung: Kachelmann schlägt um sich! von Terre des Femmes

Mein wichtigstes Anliegen:
sorge für Dich!
Sei Dir selbst Deine beste Freundin.

1 Kommentar:

  1. Danke für die klaren Worte, Carola. Du hast es geschafft, das so auszudrücken, dass es (eigentlich) jeder genau so verstehen müsste, wie du es meinst.
    Und ich bin deiner Meinung bei dem Thema.

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