Montag, 5. Dezember 2016

17 jähriger Afghane

Nein, ich werde nicht weiter auf die traurigen Nachrichten der letzten Tage eingehen.
Gestern habe ich etwas fassungslos bei Twitter herumgelesen und den Eindruck gewonnen, dass es unter den Deppen wohl eine Art Verpflichtung zu geben schien, Frau Merkel für einen Mord in Freiburg zu "danken".
Wenn Frauen ermordet werden, stecken meist Männer dahinter.
So auch diesmal.
Erschreckend, dass er erst 17 ist - Grund für Populismus:
es handelt sich um einen Afghanen.
"Jetzt bringen die schon unsere Frauen um!", las ich.
Ob der das Besitz ergreifende "unsere Frauen" und seine eigene, reparaturbedürftige Grundeinstellung Frauen gegenüber wohl irgendwann mal bemerkt?

Gut, warum schreibe ich?
Einfach, damit man zu 17 jährigen Afghanen auch noch etwas anderes findet, als gruseligen Populismus.
Ich war heute mit einem 17jährigen Afghanen beim Amt.
Das BAMF hat nämlich den Eingang seines Asylantrags bestätigt und dann hat man exakt 3 Werktage Zeit, die Ausstellung einer Aufenthaltsgestattung zu beantragen.
Und nein, Afghanistan ist nicht pauschal ein sicheres Land und doch, viele Afghanen haben sehr triftige Gründe, hier Asyl zu beantragen. Taliban zB.
Und als die Bundeswehr in Afghanistan Angestellte suchte, hat sie recht offensiv die Möglichkeit erwähnt, dass man in Deutschland Asyl finden sollte, wenn man ob der Arbeit für ISAF später um Leib und Leben fürchten müsse.
Konkret wurde den ISAF Angestellten gesagt, dass sie und ihre Familien dann in Deutschland Aysl bekämen.

Ein Punkt, den wir dann mit der Hilfe von Dolmetschern sehr gründlich erklären müssen, ist dann das Wort "Familie".
Was die Männer, die für ISAF arbeiteten, damals nicht recht ahnten, war dass Familie bedeutet:

Du, deine Ehefrau und deine Kinder

Erkläre mal 3 Brüdern und ihren 2 Schwestern, dass sie übrigens 5 Familien darstellen.
Gelegentlich lachen auch Deutsche erst mal ...
Besonders interessant wird das, wenn zB der älteste Bruder für ISAF gearbeitet hat.
Der ist dann zB Mitte 40.
Seit dem Tod der Eltern lebten zB auch noch 1-3 jüngere Schwestern und Brüder bei ihm, seiner Frau und seinen Kindern und sind auch mit ihm nach Deutschland geflohen. Wenn eines dieser Geschwister unter 18 ist, ist es übrigens ein alleinreisender, minderjähriger Flüchtling (da der Bruder halt nicht seine Familie ist ... nach unserer Bürokratie)

In Afghanistan mag sich der große Bruder um alles gekümmert haben - hier kann er das nicht, denn wenn er kein Deutsch kann, kann er sich eben nicht um seine Geschwister kümmern. Alle Minderjährigen brauchen dann einen Vormund. Ohne Vormund können diese alleinreisenden Minderjährigen auch keinen Asylantrag stellen.
Da kommen dann wir "Gutmenschen" ins Spiel ...

Ich habe langsam richtig Übung bei der Sache und weiß nun, wann ich wo welchen Antrag zu stellen und welches Formular wie ausgefüllt werden muss. Und bei welcher Familie ich besser 2 Tage vor einem Besuch nichts esse, damit ich dann dort hinreichenden Appetit für einen Tisch voller "Kleinigkeiten" habe.

Und wann in welchem Amt die Schlangen nicht zuuuuuuu lang sind.

Heute waren wir also in der Ausländerbehörde, was mir ehrlich gesagt Spaß macht.
Ich komme nicht oft ins Ausland und so ist das Wartestündchen dort immer ein wenig wie "Instant-Fernreise".

Am Schalter sitzt meist eine Frau und arbeitet sich nach und nach durch die Reihen.
Ich bewundere oft die Menschen, die noch so gar keine Ahnung von unserer Schrift oder Sprache haben, aber genau wissen was sie wollen und sich irgendwann auch verständlich machen.
Oft sprechen sie etwas lauter in der berechtigten Hoffnung, dass irgendwo in der Schlange jemand steht, der sie versteht und auch schon etwas deutsch kann.
Manchmal muss man dazu eine Weile in der Landessprache bleiben und so lange sein Anliegen wiederholen, bis die Schlange eben lang genug geworden ist, um die passenden Dolmetscher zu enthalten.

Heute schien so ein Herr schon fast fertig, aber seine Unterlagen machten ihn nicht glücklich.
Zuvor hatte er erklärt, sein Sohn sei in der Türkei.
(ok, es war "Sohn Türkie!"
"Ihr Sohn ist in Kiel?", hatte die Sachbearbeiterin gefragt
und die komplette Reihe der Wartenden hatte mit "nein, in der Türkei!" geantwortet
Privatsphäre ist dabei absolut nicht sinnvoll oder gewünscht)

"Baby?!", sagte er
"Aber Sie sagten doch, Ihr Sohn sei in der Türkei!"
Gemurmel in der Reihe - die Lösung: das ist ein Opa!
Der Sohn ist noch in der Türkei - der Opa und der Enkel sind schon hier.
Spannend :)

Die Sachbearbeiterin braucht ein Geburtsdatum des Enkels und ich hätte gern einen Kaffee.
Ihr Wunsch wird erfüllt, meiner nicht.

Der Opa zeigt ihr bereitwillig ein Formular.
Mit der Schrift kann die Sachbearbeiterin so gar nichts anfangen.
3 junge Männer springen zur Hilfe - gemeinsam wird das Geburtsdatum des Enkels ergründet.
"206!"
Gemeint ist natürlich 200 6 - also 2006.
"Nix Baby!" grummelt es - und der Opa lernt das Wort "Kind"
Wenig später hat man Verständnis für die Wünsche der Sachbearbeiterin nach einem Monat und Tag zum Jahr und schon kann sie irgendwelche Papiere hervorwühlen und der nächste ist dran.

Hinter uns steht mittlerweile ein echt ekliger Kerl.
Mittelgroß, mittelbehaart, dunkel und eklig.
Ich gucke ihn zweimal böse an.

Nein, ich habe nicht das Lager gewechselt!
Er IST eklig, denn er zieht hoch.
Das kann ich ja gar nicht leiden!
Noch einmal gucke ich ihn böse an und prompt grummelt er "Nazi!"

"Mein" Afghane kichert und drückt ihm ein Taschentuch in die Hand.
Es wird benutzt.

Die Kraft meiner bösen Blicke ... gewisse Afghanen haben sehr schnell mitbekommen, dass ich auch das Knacken mit Fingergelenken so gar nicht leiden mag.

Der nächste Knabe möchte eine Schulbescheinigung.
"Für Deutschunterricht?", fragt die Sachbearbeiterin.
"Ich bin 16!", erklärt der Knabe.
Und hey, jetzt kann ich weiterhelfen, denn ich weiß, dass er eine Bescheinigung für die Schule braucht, weil er Unterricht versäumt hat, weil er den Vormittag im Amt verbracht hat.
Und bei den tollen "du hast genau 3 Werktage Zeit"-Fristen, kann man nicht auf den Wochentag mit den Nachmittagsterminen warten ...

Wir rücken auf und auf und auf und ich muss sagen, dass ich die Sachbearbeiterinnen jedesmal ein wenig bewundere und mich deshalb auch immer bemühe, mein Anliegen unter Einsatz von locker 3 Begriffen aus dem allerbesten Amtsdeutsch zu äußern.
"wir möchten die Ausstellung einer Aufenthaltsgestattung beantragen!"
Ja, Ausstellung, Aufenthaltsgestattung und beantragen.

Dann übrigens bekommen wir erst unsere Wartenummer und das eigentliche Warten beginnt.

Ich mache den Kram gern - es entschleunigt mein Leben.
Und nein, ich mache es nicht, weil ich der Meinung bin, dass Flüchtlinge die besseren Menschen sind.
Unter ihnen gibt es auch Arschlöcher und Leute, die hochziehen (yuk) ... die meisten "Gutmenschen" erledigen solche Aufgaben, weil sie nun einmal getan werden müssen.
Und weil es spannend und interessant ist.
Weil es etwas für die Allgemeinbildung tut - nebenbei begreift man, was Taliban sind und wenn ein besorgter Bürger fragt, warum überhaupt Menschen aus Afghanistan kommen, kann ich locker ein paar real existierende Asylgründe nennen.

So, das war ein Vormittag in der Ausländerbehörde.
Donnerstag geht es dann mit einem anderen "Alleinreisenden" ins Jugendamt.





Donnerstag, 3. November 2016

Flüchtlinge lassen Frau und Kinder im Stich ...

Hach ja ...
Privat bin ich übrigens umgänglich.
Das heißt, es kommt durchaus vor, dass ich gemütlich mit besorgten Bürgern beim Kaffee sitze.

Neuen Bekannten sage ich immer kurz, dass ich übrigens in der Flüchtlingshilfe aktiv bin, bevor wir dann durch 1.000 andere Themen schlendern.
Am Wochenende sagte dann jemand, er fände es doof, wenn man alle Pegida-Anhänger immer gleich Nazi schimpfen würde.
Ich gab ihm fröhlich Recht, denn ich finde das völlig unnötig.
Nazi, Pegida, Reichsbürger, Depp ... für mich alles eine Kelle aus dem gleichen braunen Eintopf.
Und ja, diese Leute können natürlich allesamt sehr nett sein - immerhin bin ich blond, blauäugig, Mutti und in 5. Generation Deutsch ... da lernt man den braunen Eintopf von der leckeren Seite kennen und man hat auch immer die Wahl, Dinge zu überhören oder darauf anzuspringen.

Im Realleben mache ich das "gemäßigt".
Es hat keinen Sinn, den Leuten derart Meinung um die Ohren zu hauen, dass man dort nie wieder Kaffee bekommt - bzw. dass die einem gar nicht mehr zuhören.
Und dann muss ich ja zugeben, manche sind tatsächlich "besorgt".
In diesem Fall besorgt, weil ein Gebäude in der weiteren Nachbarschaft bald 360 Flüchtlinge beherbergen soll.
Da kann ich nur zustimmen:
das ist doof!
Auch für die 360 Flüchtlinge, die sicher nicht vorhatten mit 359 anderen irgendwo hinter den sieben Bergen bei den besorgten Bürgern in ein Wohnheim gestopft zu werden.
Und jetzt geht schön raus und integriert Euch ...

Sicher alles junge Männer, die Frau und Kinder im Stich lassen und dann hier
- jetzt kommt wahlweise "schmarotzen" oder "uns die Jobs wegnehmen"

Auf das Frau und Kinder im Stich lassen kann man vorsichtig einsteigen, denn viele haben einfach unsere Familienstrukturen vor Auge.
Die stellen sich vor, wie sie das Land verlassen und ihre Frau dann ganz allein mit ihren statistischen 1,5 Kindern in einer Wohnung sitzt und rechts und links fallen die Bomben vom Himmel.
Jedenfalls hatte ich das durchaus vor Augen und erst mit der Zeit begriff ich:
(Vorsicht, jetzt kommt eine grobe Verallgemeinerung!)
Ah, die haben gut 8 Geschwister und dort bringen sie Frau und Kinder unter, bevor sie sich auf den Weg machen!
Die Fluchtwege sind verdammt gefährlich und so sind die Männer vorgegangen, um ihre Familien dann auf sichereren Wegen nachzuholen.
Allerdings haben sie ihre Familie dann sicher bei ... Familie untergebracht.
Wir haben oft wundervolle Kommunikationsprobleme, weil Flüchtlinge gern jeden "Bruder" nennen.
Auch Leute, die lediglich aus dem gleichen Ort stammen - aber spätestens beim Asylantrag sehen wir dann, dass meist tatsächlich beneidenswert viele Brüder vorhanden sind.

Mittlerweile hat es sich auch ein wenig gewandelt.
Wir bekommen immer weniger junge Familienväter zu sehen.
Die Familien ermöglichen jetzt den jüngeren Männern die Flucht - werfen möglichst viel Geld für Schlepper zusammen.

Oh, oh, ich gerate wieder an den Punkt, wo ich mich darüber aufregen will, dass wir keine sicheren Fluchtwege und die Möglichkeit eines Asylantrags noch im Heimatland schaffen ... dann hätten wir kein "nur junge Männer" und auch tausende Todesopfer bei der Flucht wären unnötig.

Nein, alles was ich sagen wollte war:
nein, sie lassen ihre Frauen und Kinder nicht im Stich, sondern bringen sie bei der Familie unter, die dort aus sehr viel mehr Menschen besteht, als bei uns.

Mein Kaffeepartner war jedenfalls überrascht und einsichtig.
"Ach ja, da habe ich ja gar nicht drüber nachgedacht!"

Und nein, er ist jetzt kein Flüchtlingshelfer geworden, sondern noch immer wegen der neuen Nachbarschaft besorgt.

Montag, 26. September 2016

Radio einschalten, oder nicht einschalten, das ist hier die Frage ...

Kennt Ihr das auch?
Gerade an einem Montagmorgen, stehe ich gern etwas zögerlich vor dem Radio.
Die Sonne scheint; das Leben ist schön!
Wenn ich jetzt das Radio einschalte, kommen gleich die Nachrichten und ...
... wann wählen die Amis eigentlich?
Ist Trump schon Präsident?
Gibt es etwas Neues von den AfD (Arschlöcher für Deutschland).

oder noch schlimmer:
sabbeln dann wieder die kleinen Klugscheißer von der Aldi-Reklame herum?

Ihr ahnt es:
und wieder entschied sie sich gegen das Radio und singt lieber selbst ...

Freitag, 23. September 2016

linksversiffter Gutmensch und die Flüchtlinge

Nebenbei werkel ich übrigens noch immer in Sachen Flüchtlinge herum.
Da ich ganz gut in Sachen Behördenkram bin, ist das auch mein Betätigungsfeld bei/für Flüchtlinge.

Neu bei meinen Leuten ist nun eine Familie aus Afghanistan.
Allesamt sehr nett, sehr sauber und sämtliche Männer schütteln mir absolut immer die Hand.
Auch Flüchtlinge gucken Nachrichten und seit das Händeschütteln zu einem Thema wurde, schütteln einem sehr viel mehr Männer die Hände als vorher. Vermutlich meinen sie, dass allen Deutschen das Händeschütteln ein ganz unglaubliches Anliegen ist.

Mir wurde schon öfter prophezeit, dass ich schon noch sehen werde, was ich "davon" haben werde, ein linksversiffter Gutmensch zu sein.
Was ich bisher davon hatte, ist ein Schwung sehr leckerer Rezepte und von einer Familie bekam ich Samtpantöffelchen für die Handtasche geschenkt, mit passendem Samtbeutelchen, damit ich sie immer mitbringen kann.
Ich ekel mich nämlich vor fremden Hausschuhen.

Und heute bekam ich noch eine Gratis-Anekdote für Euch geliefert.
Wenn ich zu der afghanischen Familie komme, werde ich immer von der kompletten Familie mit Händeschütteln begrüßt und verabschiedet.
Heute stand ich an der Tür, verabschiedete mich - und alle schüttelten mir brav die Hand, wirkten aber etwas verwirrt.
Ich öffnete die Tür, ging, schloss die Tür ... fast hinter mir, bis ich begriff, dass ich gerade dabei war, den Besenschrank zu betreten.
Ich drehte mich um und ... da ich selbst furchtbar lachen musste, lachte man kollektiv mit.
Vermutlich hätte man aber auch akzeptiert, wenn ich einfach ein Weilchen in der Besenkammer hätte bleiben wollen.
Deutsche sind manchmal einfach etwas wunderlich ...