Mittwoch, 7. Oktober 2009

Bitterfotziges

Es gibt ein Buch, das so heißt.
Bitterfotze
Ich habe es gekauft, aber nur angelesen, einen Blick auf das Ende geworfen und das Buch beiseite gelegt, denn die übel gelaunte Protagonistin kommt am Ende des Buches zu dem Entschluss, noch ein Kind zu bekommen.
Nicht meine Lebensphase.
Aber das Wort ist haften geblieben.
Mit dem Begriff Bitterfotze kann ich etwas anfangen.
Gefällt mir.
Ein gutes Schlagwort für ein Lebensgefühl, das es um alle Umstände abzuschütteln gilt.
Ein Lebensgefühl, zu dem herabgezogene Mundwinkel, endlos geschimpfte Monologe, Selbstmitleid und irgendwie auch ein faltiges Dekoltee gehört.
Wenn meine Mutter ihre bitterfotzigen Phasen austobte, fiel mir jedenfalls immer wieder auf, dass ihr Dekoltee irgendwie dauergebräunrötet, schlaff und knitterfaltig war.
Aus ihren Monologen ist bei mir nur "immer" "nie" "undankbar" und "wie dein Vater!" hängengeblieben.
Nun, meine Kinder können das auch.
Mich von Mami auf Bitterfotze in 4 unpassenden Worten.
Gestern zB war so ein Tag.
Morgens um 6 Uhr hatte ich Frühstück für meinen Sohn gemacht und beim Wecken zufällig das Obst, das ich in den letzten Tagen (Wochen) (Monaten?) für ihn im Morgengrauen geschnibbelt hatte, in seinem Papierkorb entdeckt.
Im Papierkorb!
Und der Junge hat tatsächlich mal eine Gymnasialempfehlung bekommen ... da könnte man doch zumindest erwarten, dass er es in den Kompost bringt ...
Es tut nicht gut, das liebevoll geschnibbelte Bio-Obst im Papierkorb zu finden.
Und es ist nicht so, als hätte ich das erste Mal so eine Frühstücksobstlagerstelle gefunden.
Einmal hatte er es zu einer imposanten und glücklicherweise schon toten Fliegenzucht in einer Kommode gebracht, in der eine der gestapelten Tupperdosen nicht ganz geschlossen gewesen war - daher die (verstorbene) Fliegenzucht.
Ein anderes Mal fand ich ganze Apfelgenerationen direkt vor seinen Fenster auf dem Gartenweg.
Ich denke, da hatte er die Halbwertzeit der Äpfel unterschätzt ...
Nun, ich schaffte es nicht zu toben, sondern mir stattdessen einen Kaffee und meiner Tochter Nudeln zu kochen. Sie hätte nämlich einen langen Tag und da mache ich ihr gerne ein bekömmliches, leichtes Mittagessen, weil sie das Kantinenessen nicht mag.
Ihr Frühstück war erst um 7.30 Uhr fällig.
Ich erspare die Details, aber da war dieser Moment, in dem ganz viele "immer" "nie" "undankbar" in mir aufkamen. Für diesen Teenager hatte ich morgens um 6 Uhr einen Nudelsalat gemacht und für diesen Teenager (samt Bruder) würde ich den Nachmittag im Wartezimmer eines Kieferorthopäden verbringen ... "immer" "nie" "undankbar", wummerte es in meinem Kopf, meine Mundwinkel verwandelten sich in Stolperfallen, mein Mund öffnete sich - und schluckte Kaffee.
Viel Kaffee.
Kaffee inspiriert ...
Ich rief eine Freundin an, motivierte sie, mich zu noch mehr Kaffee am Nachmittag einzuladen und dann brachte ich meine Kinder zum Kieferorthopäden, drückte ihnen Geld für den Bus in die Hände und statt im Wartezimmer zu warten und die beiden Goldschätze wieder nach hause zu fahren - was sie mir niemals gedankt hätten - fuhr ich umgehend zu meiner Freundin und plauderte den Stress von dannen.
Manchmal ist es sehr wichtig, verwöhnte Kinderlein Bus fahren zu lassen.
Ganz besonders hier in diesen Kuhkäffern mit üblen Verbindungen.
Morgen fahren sie auch wieder Bus.
Und ich lächle.
Ich lächle, meine Kinder beäugen mich misstrauisch und erstaunlicher Weise räumen sich Spülmaschinen derzeit von ganz alleine aus, landet die Wäsche meines Sohnes - wohlgemerkt, die schmutzige - im Wäschekorb und das Frühstück für die Schule macht mein Sohn sich jetzt abends selbst. Es muss mir aber gezeigt werden.
Und trotzdem fahren sie morgen wieder Bus.
So ein Mütterstreik muss schon ein paar Tage dauern, damit er wirkt und ich nicht doch noch über meine Mundwinkel stolpere.

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